Was ist eine REM-Analyse?
Ein Blick in die Rasterelektronenmikroskopie: Wie aus einer unscheinbaren Materialprobe ein belastbarer Befund wird, warum Elektronen mehr sehen als Licht und welche Normen die Auswertung von Asbest- und Faserproben regeln.

Das Prinzip: Sehen mit Elektronen statt mit Licht
Ein Lichtmikroskop stößt dort an seine Grenzen, wo Strukturen kleiner werden als die Wellenlänge des sichtbaren Lichts – etwa ab 0,2 Mikrometern. Genau in diesem Bereich liegen jedoch viele der Fasern, die gesundheitlich relevant sind. Das Rasterelektronenmikroskop (REM) arbeitet deshalb nicht mit Licht, sondern mit einem fein gebündelten Elektronenstrahl, der die Probenoberfläche Zeile für Zeile abtastet. Aus den zurückgeworfenen und ausgelösten Elektronen entsteht ein hochaufgelöstes Bild, das Vergrößerungen bis in den Nanometerbereich erlaubt und selbst einzelne Faserenden erkennbar macht.
EDXA: Die chemische Signatur jeder Faser
Ein Bild allein genügt nicht, denn viele Fasern sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Deshalb wird das REM mit der energiedispersiven Röntgenmikroanalyse (EDXA) gekoppelt. Trifft der Elektronenstrahl auf eine Faser, sendet diese charakteristische Röntgenstrahlung aus – eine Art Fingerabdruck der enthaltenen Elemente. Aus dem Verhältnis von Magnesium, Silizium, Eisen, Natrium oder Calcium lässt sich ableiten, ob es sich um Chrysotil, Amosit, Krokydolith, eine künstliche Mineralfaser (KMF) oder eine harmlose Gips- oder Cellulosefaser handelt. Erst die Kombination aus Morphologie und Elementanalyse macht die Aussage eindeutig.
Vom Probeneingang bis zum Befund
Eine REM-Analyse ist kein einzelner Messschritt, sondern eine dokumentierte Kette. Jeder Abschnitt wird protokolliert, damit der Befund später lückenlos nachvollziehbar ist:
- Probenahme: Materialproben werden staubarm entnommen, Raumluftproben über kalibrierte Pumpen auf Goldbedampfungsfilter gezogen.
- Registrierung: Jede Probe erhält eine eindeutige Kennung, Entnahmeort und Bauteil werden dokumentiert.
- Präparation: Das Material wird aufbereitet, gegebenenfalls verascht oder gelöst und leitfähig beschichtet.
- Messung: Definierte Bildfelder werden systematisch abgerastert, verdächtige Fasern per EDXA analysiert.
- Auswertung und Bericht: Faserart, Anzahl und – bei Luftmessungen – die Konzentration je Kubikmeter werden bewertet und eingeordnet.
Die maßgeblichen Normen
Damit Ergebnisse vergleichbar und belastbar sind, folgt die Analytik festen Regelwerken. Materialproben werden nach VDI 3866 ausgewertet – Blatt 1 regelt Probenahme und Probenaufbereitung, Blatt 5 das REM/EDXA-Nachweisverfahren. Für Raumluft- und Faserkonzentrationsmessungen gilt VDI 3492 als anerkanntes Referenzverfahren für anorganische Faserpartikel in Innen- und Außenluft, etwa bei der Bestandsaufnahme oder als Freimessung nach einer Sanierung. Weitere Innenraumluftparameter wie VOC oder Formaldehyd orientieren sich an der Richtlinienreihe VDI 4300 und an DIN EN ISO 16000. Die eigentliche Laborauswertung erfolgt bei uns in Kooperation mit einem nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditierten Partnerlabor.
Wann kommt eine REM-Analyse zum Einsatz?
Typische Anlässe für eine Untersuchung im Rasterelektronenmikroskop sind:
- Verdacht auf Asbest in Putzen, Klebern, Spachtelmassen oder Bodenbelägen
- Bestandsaufnahme vor Abbruch-, Umbau- oder Sanierungsarbeiten
- Freimessung der Raumluft nach einer Asbestsanierung
- Abklärung von Faserbelastungen am Arbeitsplatz
- Unterscheidung zwischen Asbest, KMF und unbedenklichen Faserarten
- Beweissicherung bei Immobilientransaktionen und Streitfällen
Wie lange dauert eine REM-Analyse?
In der Regel liegt der Befund innerhalb von drei bis fünf Werktagen nach Probeneingang vor. Wenn eine Baustelle stillsteht oder eine Freigabe kurzfristig benötigt wird, ist eine Eilanalyse in 24 bis 48 Stunden möglich. Der Bericht enthält neben dem reinen Messergebnis stets eine Einordnung: Welche Faserart wurde nachgewiesen, wie ist der Befund im Hinblick auf die geltenden Regelwerke zu bewerten und welche nächsten Schritte ergeben sich daraus.
Fazit
Die REM-Analyse macht sichtbar, was mit bloßem Auge und im Lichtmikroskop verborgen bleibt – und liefert mit der EDXA zugleich den chemischen Nachweis, um welche Faser es sich handelt. Für Asbest und andere anorganische Fasern ist sie damit das derzeit zuverlässigste Verfahren. Entscheidend für ein belastbares Ergebnis ist jedoch die gesamte Kette: fachgerechte Probenahme, normkonforme Auswertung und ein Bericht, der die Befunde verständlich einordnet.